Beat Wyss „Ein Ausblick“

In: Martin Schulz/ Beat Wyss (Hgg.), Techniken des Bildes, Wilhelm Fink Verlag, München 2010, S. 9-12

Mit diesem Band findet das Karlsruher Graduiertenkolleg nach neun Jahren des Bestehens seinen Abschluss. Als Sprecher des Kollegs seit März 2003 sei mir gestattet, die Etappen unserer Tätigkeit kurz zu beschreiben.   

1. Was geleistet wurde

Bei den Graduiertenkollegs, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden, handelt es sich um inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekte, die oft von mehreren Universitäten getragen werden. Antragstellerin war in unserem Fall die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, wo Hans Belting als Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte die Initiative ergriff. Unterstützung wurde dem Vorhaben durch all die Jahre von Seiten des Rektors, Peter Sloterdijk, zuteil, sowie von Peter Weibel, dem Direktor des benachbarten Zentrums für Kunst und Medien (ZKM).

Die HfG Karlsruhe ist die kleinste Neugründung unter Deutschlands  Kunsthochschulen mit Promotionsrecht; neben den praktischen Fächern in Kunst, Design und Medien werden hier nur Philosophie und Kunstwissenschaft gelehrt. Unser breit angelegtes Forschungsprojekt mit dem Titel “Bild – Körper – Medium“, das alle geisteswissenschaftlichen Fächer umfasst, war daher auf die Unterstützung anderer Universitäten angewiesen. Aufbauhilfe leisteten uns der Ägyptologe Jan Assmann und  Lothar Ledderose als Ostasienspezialist von der Universität Heidelberg, sowie der Kunsthistoriker Gottfried Boehm von der Universität Basel. Von der benachbarten Technischen Universität Karlsruhe wirkten der Literaturwissenschaftler Götz Grossklaus, der Kunsthistoriker Norbert Schneider und die im Januar 2007 verstorbene Jutta Held als assoziierte Mitglieder des Kollegs. In derselben Funktion amteten Christiane Kruse, Universität Marburg, Gerhard Wolf, Direktor des Istituto tedesco in Florenz, und Hans Dieter Huber von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, alle im Fach Kunstgeschichte. Im Bereich Film und Neue Medien halfen Ursula Frohne, heute an der Universität Köln, und Kay Kirchmann, Universität Erlangen, unser Profil im Diskurs der Massenmedien zu schärfen.  Diesen Kreis intellektueller Individualisten durch die neun Jahre zusammengehalten zu haben, ist Martin Schulz, dem Koordinator des Kollegs, zu verdanken.

Ein Graduiertenkolleg der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird zunächst auf drei Jahre bewilligt und kann zweimal drei Jahre verlängert werden. Das Karlsruher Kolleg hat alle Antragshürden erfolgreich genommen und damit die maximale Laufzeit erreicht. 36 Promotionen und sieben Postdoc-Projekte wurden gefördert. Nicht eingerechnet sind dabei die vielen assoziierten Studentinnen und Studenten, die zwar kein Stipendium bezogen, aber an unserem Programm und unseren Exkursionen teilnehmen konnten.

Das Karlsruher Graduiertenkolleg organisierte als Wanderseminar im Zeichen des Bildes viele internationale Tagungen. Höhepunkte waren Kooperationen mit der Helsinki Taidehalli; mit der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris; mit dem Forschungsprojekt eikones an der Universität Basel; mit dem Instituto de Investigaciones Esthéticas an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM); mit dem Istituto tedesco von Florenz; mit dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien; mit dem Philosophischen Institut der Universitad Autónoma von Madrid; mit dem Fachbereich Kunstgeschichte und Archäologie der Columbia University, New York; mit dem Istanbul 2010 Art Production Center in Istanbul.  

Unser Forschungsprogramm brachte eine Vielfalt von geisteswissenschaftlichen Disziplinen ins Gespräch. In der ersten Dreijahresperiode lag der Schwerpunkt auf der Entwicklung eines Bildbegriffs in  anthropologischer Perspektive; die zweite Periode konzentrierte sich auf methodische Begriffe wie Repräsentation, Bildpragmatik und Epistemologie der Bilder; im Mittelpunkt der letzten Periode standen transkulturelle Aspekte von Bild- und Kunstgeschichte.  

2. was aktuell geschieht

Es gibt es Stimmen, welche die Bildwissenschaft für  tot erklärt haben. Solche Gerüchte begleiten alle innovativen Unternehmungen, wenn sie einmal ein gewisses Alter erreicht haben. Bildwissenschaft ist weit davon entfernt, eine wissenschaftliche Doktrin entfaltet zu haben – zum Glück. Denn das erlaubt die ungestrafte Entfaltung von Häresien aller Art, was einer dogmatischen Sklerose vorbeugt. Die Karlsruher Schule ist das beste Beispiel für die Vielfalt der Themen und Methoden. Die phänomenologischen Anfänge erfuhren eine Ausdifferenzierung dank der drei Generationen von Kollegiatinnen und Kollegiaten, die das Forschungsprogramm kreativ sich aneigneten und umsetzten gemäß ihren je eigenen Anwendungsgebieten. Sie mischten deutsche Bildwissenschaft mit angelsächsischen Konzepten von cultural und postcolonial studies. Neben dem anthropologischen Ansatz von Belting und dem phänomenologischen von Boehm, hat Karlsruhe mit Peter Weibel eine Position entwickelt, die man “technopoetisch” nennen könnte - “poiesis” verstanden im etymologisch korrekten Sinne eines „Machens“ von technischen Bildern. Diese künstlerische Manifestation der Bildwissenschaft verbindet sich über Bruno Latour mit einem epistemologischen Interesse, das auch Horst Bredekamp,  Friedrich Kittler und Thomas Macho von der Humboldt Universität vertreten. Fronten in der deutschsprachigen Bildwissenschaft bestehen allenfalls in der Frage über die Anwendbarkeit von Zeichentheorie, wie sie etwa von Klaus Sachs-Hombach und der Magdeburger Arbeitsstelle für Semiotik angewandt werden.

3. Wo man aufpassen müsste

Die Förderung des akademischen Nachwuchses in Deutschland gehört weltweit zur besten. Allerdings hat sie einen paradoxen Effekt, und zwar nicht erst, seitdem die Finanzkrise zu Kürzungen zwingt. In den letzten Jahren brachten die Deutschen Universitäten eine ausgezeichnet betreute und geförderte Generation von Studenten hervor. Gleichzeitig wurde der Antritt einer universitären Laufbahn immer schwieriger und weniger attraktiv infolge von Lehrstuhlkürzungen, Halbierung von Assistenzen, Herabsetzung von Gehältern, sowie der wachsenden Last der Selbstverwaltung und bürokratisierter Lehrprogramme, die euphemistisch unter „Bologna-Reform“ laufen. Kann es sein, dass bei der großzügigen Förderung ein Schuldgefühl gegenüber der Jugend im Spiel ist? Das spendable Stipendienwesen mag als Geste der Befriedung wirken gegenüber einem akademischen Nachwuchs, der riskiert, mit dem Abbau von regelmäßigen Arbeitsmöglichkeiten um seine berufliche Zukunft geprellt zu werden.  

Ein anderes Problem ist die Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften. Es benötigt noch immer eine große Anstrengung, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln zwischen Ingenieurwesen und Kunst, Philosophie und Physik, Kunstgeschichte und Informatik. Vor allem sollte der Diskurs zwischen der Geisteswissenschaft und den sogenannt harten Disziplinen auf Augenhöhe geschehen, damit transdisziplinäres Denken nicht von technokratischer Ideologie vereinnahmt wird.

 4. Was zu erreichen wäre

Bildwissenschaft muss an ihrem eigenen Ethos noch arbeiten. Die Förderung des  akademischen Nachwuchses darf nicht den blanken institutionellen Opportunismus hervorbringen; die Humanwissenschaften haben die intellektuelle Pflicht, als kritische Instanz der Gesellschaft zu wirken. Etwas mehr politisches und soziologisches Problembewusstsein schadet keiner Bildtheorie. Ich habe dieser Aufgabe Rechnung getragen mit meinem Versuch, Ansätze von Niklas Luhmann and Pierre Bourdieu bildwissenschaftlich zu nutzen. Transkulturelle Studien sind auf soziopolitische Zugänge angewiesen, um eine Fortsetzung des naiven Multikulturalismus aus den neunziger Jahren zu vermeiden. Während diese sanfte Ideologie von globalen Dörfern träumte, förderte sie die Entstehung von Parallelgesellschaften, die sich feindselig gegeneinander abschotten. Die regional verschiedenen kulturellen Traditionen schufen  unterschiedliche Formen von Moral und Ethik, die wiederum sinnliche Erfahrung verschieden kodieren. In diesem Sinne bieten Bilder einen Lackmus-Test für die Wirkung von visuellen Botschaften, deren kollektive Wahrnehmung von regionalen Gewohnheiten und Tabus beeinflusst sind.

Bildwissenschaft ist ein Produkt westlicher Säkularisierung. Sie ist nur möglich im Rahmen einer Entkoppelung der Bilder von deren repräsentativen Aufgaben in Religion und Politik.  Bildwissenschaft hat die aufgeklärte Ästhetik des 18., die positivistische, westliche Kunstgeschichte des 19. und die Trauerarbeit des postkolonialen Bewusstseins von heute im Gepäck. Der paradoxe Ausdruck „Postkolonialismus“ macht es deutlich: Wir stehen vor der Aufgabe, die geerbten kolonialen Privilegien aufzugeben und gleichzeitig jene Verantwortung zu übernehmen, die Hans Magnus Enzensberger „Ethnozentrismus wider Willen” genannt hatte.

Wenn Bildwissenschaft, etwas pathetisch gesagt, eine verbindliche Botschaft an die Welt hat, so ist es ein Bekenntnis zur Erklärung der Menschenrechte, die in ihr als Bedingung immer schon eingeschrieben vorliegt.

Zürich im Oktober 2009