Schwerpunkte der 3. Förderphase

Schwerpunkte der 3. Förderphase

Hans Belting: Ikonologie des Blicks
Beltings wissenschaftliche Arbeit vollzieht sich weiterhin im Rahmen dessen, was als Konzept des Kollegs von Anfang an ins Auge gefaßt wurde. Im September dieses Jahres wird sein neues Buch veröffentlicht werden, in welchem er an sein Thema von Bild und Kult (1990) anknüpft und das Thema unter solchen neuen Gesichtspunkten wieder einführen möchte, in welchen die Fragestellung des Kollegs aufscheint. Das Buch wird den Titel tragen Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen. Zugleich ist er mit zwei Projekten beschäftigt, welche dem Kolleg gedanklich nahestehen und sich aus der Arbeit im Kolleg entwickelt haben: Eine größere Arbeit über „Gesicht und Maske“, in welcher versucht wird, Bildfragen am Körper in der Interaktion von Gesicht und Maske in einem größeren historischen und methodischen Rahmen darzustellen. Daran lassen sich viele unterschiedliche Promotionsthemen anknüpfen. Zum anderen arbeitet er an der Publikation seiner Vorlesungen am Collège de France, in denen die übliche Thematik des Bildes in der Geschichte des Blicks neu situiert wird. Daraus läßt sich für die zukünftigen Themen des Kollegs eine neue Forschungsrichtung propagieren, die sich unter dem Begriff „Ikonologie des Blicks“ fassen läßt. Dabei spielt die Geschichte des Blicks, die sich in der europäischen Bildgeschichte manifestiert, eine besondere Rolle. So geht es ihm dabei vor allem auch um den „ikonischen Blick“, der in der Erfindung der Perspektive in der Auseinandersetzung mit der anikonischen Optik des Islam entwickelt wurde.??Die genannten Themen wird er auf zweierlei Weise in die künftige Arbeit des Kollegs einbringen: Zum einen in Form eines zweitägigen Workshops in Karlsruhe, wenn möglich gemeinsam mit den alten und neuen Stipendiaten, um die genannten Themen zu diskutieren. Dieser Workshop, der gemeinsam mit Gottfried Boehm durchgeführt werden soll, wird im nächsten Sommersemester stattfinden. Zum zweiten in Form einer Einladung des gesamten Kollegs durch das IFK (Internationales Forschungszentrum für Kulturwissenschaften) in Wien, das Belting derzeit als Direktor leitet. Dort wird ab diesem Oktober in einem jeweils viermonatigen Turnus eine internationale Stipendiatengruppe an einem Forschungsschwerpunkt arbeiten, den er unter der Bezeichnung „Kulturen des Blicks“ eingeführt hat. Darunter befinden sich auch ehemalige Kollegiaten des GK.

Gottfried Boehm: Ikonizität und Blick
Im Mittelpunkt dieses Schwerpunktes, der eng an die Interessen von Belting anschließt, steht das Verhältnis von „Ikonizität und Blick“. Dabei knüpft Boehm an seine eigenen bildtheoretischen Überlegungen zur Bestimmung des Ikonischen an. Die sensuelle Potenz ist – so Boehm – ein wichtiges Moment des Ikonischen. Überträgt man die sprachtheoretische Differenz, die Entstehung des realisierten Sinns einer „parole“ aus der Fraktur einer „langue“, auf das Bild, wird deutlich, wie zentral die Wahrnehmung, die sich blickend mobilisiert, für das Verständnis ikonischer Systeme ist. In viel höherem Maße als dies bereits die Rezeptionsästhetik behauptet hat, überschneidet sich das sensuelle System des sogenannten Betrachters mit der jeweiligen bildlichen Repräsentation. Die Aufklärung dieses „Chiasmus“ (Merleau-Ponty) ist nicht nur durch die Weiterentwicklung der Phänomenologie, der Psychoanalyse und in einer revidierten Körperauffassung versucht worden, sondern auch von Seiten der Psychosomatik und den Neurowissenschaften. Kaum irgendwo sonst ist das Gespräch zwischen Natur- und Kulturwissenschaften so intensiv und aussichtsreich wie an dieser Schnittstelle. So attraktiv sich der Versuch gestaltet, das neuere Wahrnehmungsdenken aufzunehmen und zu adaptieren, es bleibt unübersehbar, daß die kulturell kodifizierte Wahrnehmungspraxis das eigentliche Bewährungsfeld darstellt. Die Kunstgeschichte z. B. hat sich immer viel darauf zugute gehalten, Sachverwalterin einer „Kultur des Sehens“ zu sein. Wahr bleibt, daß in dieser wie anderen historischen Disziplinen ein unerforschtes Repertoire an visuellen Erfahrungen, an Blickkulturen vorhanden ist, das sich mit neuen Methoden bearbeiten läßt. Veranstaltungen zu diesem Thema innerhalb der dritten Förderperiode des GK sind insbesondere mit Hans Belting geplant, wobei die Stipendiaten des GK vor allem auch von der Kooperation des interdisziplinären Forschungsschwerpunktes „Eikones“, den Boehm in Basel betreut, mit dem IFK in Wien sehr profitieren werden, wo das Thema „Kulturen des Blicks“ derzeit einen Schwerpunkt bildet.

Ursula Frohne: Zur Bildförmigkeit sozialer Wirklichkeit. Bilder als ethischer Appell und Handlungsträger
Der Verlust des künstlerischen Monopols über die Bilderzeugung und -verbreitung geht mit dem Beginn einer neuen Sozialgeschichte des Bildes einher, die in den neueren bildtheoretischen Diskursen der Kunst- und Medienwissenschaften bislang wenig Beachtung gefunden hat. Die Allpräsenz technisch erzeugter Bilder hat den visuellen Repräsentationsraum erweitert: Das Spektrum der Orte, an denen Bilder heute Aufmerksamkeit beanspruchen, ist ebenso expandiert wie die sozialen und ästhetischen Repräsentationsräume, die von der Medienindustrie ins Visier genommen und mit unterschiedlichen Intentionen ins Bild gesetzt werden. Neue Formen und Bereiche des Bildgebrauchs sollen anhand von Beispielen aus unterschiedlichen Anwendungsbezügen sowie der Kunst in ihren Funktionen als Handlungsträger zu wirken untersucht werden. Es wird zu prüfen sein, auf welche Weise die „Bildförmigkeit des Sozialen“ im öffentlichen Raum mehr als nur Informationsaufgaben erfüllt. Als Kondensate gesellschaftlicher Diskurse werden Bilder zu legitimierenden Instanzen, indem sie durch die Erzeugung moralischer Zustimmung oder Ablehung die „Naturalisierung“ sozialer Beziehungen affirmieren und steuern. Hierbei gilt es die visuellen Eigenschaften zu bestimmen, die symptomatisch für das Wirken und den Wandel des Bildes als sozial-gesellschaftliche und anthropologische Kategorie sind.
Die Theorie der „Sichtbarkeiten“ im Werk Michel Foucaults dient als methodischer Leitfaden bei der Untersuchung gegenwärtiger Funktionen des Bildes in der Gesellschaft. Die zunehmende Visualisierung des Lebens und aller Lebensumstände basiert auf sensibel reagierenden Ökonomien der Sichtbarkeit, die entweder die Unsichtbarkeit anderer (sozialer, ethnischer, etc.) Individuen, Gruppierungen und Ereignisse erzeugen oder ältere Sichtbarkeiten verdrängen. Das Paradox heutiger Hypervisualität zeigt sich in einer Bildpolitik der Ein- und Ausblendung von Repräsentationsräumen, die in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis zwischen der Aktualität bzw. existentiellen oder politischen Brisanz des Dargestellten (etwa in Bildern von Krisen- und Katastrophengebieten) und der sozial-politischen Lage des jeweiligen (vorwiegend westlichen und nord-atlantischen) Rezeptionskontextes stehen. In der Vieldeutigkeit des Begriffs der „Repräsentation“ spiegeln sich die ebenso konfrontativen wie vermittelnden Aspekte einer „Bilderpolitik der Sichtbarkeit“ wider, insofern Repräsentation im Sinne von „Darstellung“, „Vorstellung“ oder „Vertretung“ verstanden werden kann. Die auf emotionale Intensität oder soziale Identifikation bzw. Distinktion hin angelegten Rhetoriken von Bildern wirken durch die Komplexität dessen, was in ihnen „dargestellt“ wird, dessen, was sich mental „in der Vorstellung“ als Bild formiert und dessen, was man in Bildern als „Vertretung“ von Gruppierungen oder Interessen sieht, deren soziale Lebenswelt sie „repräsentieren“. Die Wechselwirkungen dieser unterschiedlichen, über die Bildförmigkeit miteinander verschränkten semantischen Bedeutungsebenen und sozialen Wirklichkeitsmodelle – der verbildlichten Realität von im Bild Repräsentierten einerseits und der pragamtischen Lebenswelt sowie Selbstsituierung der Bildrezipienten andererseits – definiert den sozialen Interaktionsraum der Auseinandersetzung, der gesellschaftspolitische und diskurskritische Fragen aufwirft.
Welche Konfrontationsenergien entstehen durch die Verschränkung visueller Kommunikations- und sozialer Repräsentationsräume? Wie sind die handlungspraktischen Dimensionen von Bildern zu erfassen, wenn ein entscheidendes Hindernis für die Veränderung von Ressentiments oder diskriminierender sozialer Verhaltensweisen gerade in der „Bildförmigkeit sozialer Wirklichkeit“ begründet liegt? Welche sozialen Dynamiken werden durch Bilder freigesetzt, die an die emotionale Anteilnahme appellieren und Handlungsbedarf implizieren, vergleichbar etwa mit anderen Kontexten, in denen Gefühle wie Scham oder Empörung indizieren, daß eine Person zur moralischen Gemeinschaft (Ernst Tugendhat) gehört? Da visuelle, kulturelle und mediale Hegemonien nicht als statische und homogene Blöcke verstanden werden (vgl. etwa Antonio Gramsci, Gayatri Chakravorty Spivak, Homi Bhabha, Stuart Hall), sondern als fluktuierende und heterogene, temporäre Schwerpunktbildungen mit ebenso produktiven wie konfrontativen Effekten, wird die soziale Relevanz und das aktivistische Potential von Bildern zur Debatte stehen, insbesondere wenn diese sich in Opposition zu den normativen Bildordnungen positionieren oder im Konflikt mit den sozialen Bedingungen ihres unmittelbaren Rezeptionskontextes stehen. Einen wesentlichen Aspekt bilden in diesem Kontext auch die vielfältigen künstlerischen Praktiken, die Strategien der Exkorporation (etwa von Bildern aus den Massenmedien oder von Logos globaler Konzerne) und des Fake als Taktiken des Widerspruchs und als ästhetische Perforationen der Macht einsetzen. Eine Analyse der Bildförmigkeit sozialer Formationen, Transformationen und Konfrontationen bedarf nicht nur kunst- und medienwissenschaftlicher, sondern auch gesellschaftstheoretischer und gegenwartsdiagnostischer Aufmerksamkeit, um Aussagen über gesellschaftliche und kulturelle Macht-Wissens-Verhältnisse treffen zu können.
Der Korpus der zu berücksichtigenden Bildbeispiele umfaßt die Bereiche der Werbeästhetik, politischer Dokumentaraufnahmen und künstlerischer Appropriationen dieser Bildgattungen, die soziale Abweichung und humanitäres Elend als neue Territorien einer expandierenden „Sichtbarkeitspolitik“ ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. In Folge dieser Expansion des „Bildraumes“ verändern sich sowohl die Funktionen als auch der Gebrauch von Bildern insgesamt: Zwar sind die Bildrhetoriken, mit denen die Werbung operiert, insoweit erforscht als sie auf die Aneignung positiv besetzter sozial-gesellschaftlicher Ideale wie Schönheit, Stil, Reichtum, Akzeptanz und Erfolg abzielen. Entsprechend nachvollziehbar ist ihre Wirkung, wenn sie das Spektrum einer zunehmend visuell codierten Welt der kanonisierten Vorbilder des Menschen (imagines) affirmieren. Wie aber verhält es sich mit Bildern, die den Prinzipien der ökonomischen Wertschöpfung scheinbar entgegen stehen, da sie die global Benachteiligten zeigen und damit Appelle an ihre Adressaten verbinden?
Innerhalb dieses Fragenspektrums sind affektive Ausdrucks- und Darstellungsmuster, die auf die Generierung von Emotion, Berührung und Handlung als zentrale Wirkungskategorien zielen, zu verorten. Hierbei gilt es, den semantisch-kulturellen Bedeutungsgehalt von Begriffen wie Emotion auch historisch zu reflektieren. Im Sinne einer Gemütsbewegung müsste die Emotion erzeugende Wirkung von Bildern auch im Hinblick auf ihr visuelles Potential hin untersucht werden, „Bewegung“ als politische Kraft zu motivieren, bzw. affektive „Bewegung“ in Handlung umzusetzen, was im Rückgriff auf historische Bildbeispiele und Diskurse zu klären wäre.

Götz Grossklaus: Kulturelle Veränderungen durch das technisch-apparative Bild
Im Rahmen der Fragestellung des GK bleibt sein Forschungsobjekt das technisch-apparative Bild:? - seine massenmediale Produktion - Distribution;? - seine massenmediale Expansion (transkulturell, global);? - sein neuer Ort im aktuell etablierten Mediensystem;? - seine Lösung aus den vertrauten lokal-kulturellen Kontexten.??Als mediengeschichtlicher Ausgangspunkt einer geplanten Untersuchung gilt die Annahme, daß kulturelle Haushalte sich in permanenter symbolischer Arbeit erhalten und in evolutiv wechselnder Form das jeweilig verbindliche kollektive Sinn-Konstrukt publizieren. Bildgeschichte wird stets und primär eine Kulturgeschichte der Zeichen und Symbole (und ihrer Verwendung) sein; in zweiter Linie eine Geschichte der zeichen-medial übermittelten Raum - Zeit - Körper-Konzepte; schließlich eine Geschichte aller Emanzipationen des Bildes aus dem Kontext vor dem Erscheinen des technischen Bildes; dann der Emanzipation der jüngsten Bildformate aus den Verweiszusammenhängen der Zeichen und Symbole überhaupt.??Bildanalytisch widmet sich die geplante Untersuchung, die durch entsprechende Promotionsthemen ergänzt werden soll, der Frage dieses massenmedial technisch-apparativen Strukturwandels in Bezug auf Bildform, -gebrauch, -funktion, -wahrnehmung. Im magisch mythischen Bewußtsein (Cassirer) ist der Körper erstes Medium von Kommunikation und Symboltätigkeit. Am Körper haften alle Vermittlungen (Laut, Ton, Sprache, Gesang, Tanz, Maske). In anthropologischer Perspektive ist die Geschichte der Medien eine Geschichte der Ablösungen vom Körper, eine Geschichte ständiger Externalisierung in Form symbolischer Be-Zeichung. Das neuzeitliche Bild steht weiterhin in der Linie komplexer Externalisierungen. In anthropologischer Sicht nimmt das Bild teil an der symbolisch medialen Externalisierung der Erinnerung (des Vergangenen), der Wahrnehmung (des Gegenwärtigen), der Vorstellung (des Zukünftigen). Zu untersuchen ist, inwieweit das technisch-apparative Bild (bes. Simulation, VR, Bildgebungsverfahren PET, MRT etc.) längst unser Erinnerungs-, Wahrnehmungs- u. Vorstellungs-Vermögen übertroffen hat, so daß Rückübersetzungen in anthropomorphe Formate nötig werden. Schon für das massenmediale Bild gilt, daß der Zuschauer der apparativ hergestellten Bild-Sequenzen als Beobachter zweiter Ordnung besser, mehr und anderes sieht als der Beobachter erster Ordnung vor Ort. (vgl. Grossklaus, Medien-Bilder, 2004). Schließlich ist zu untersuchen, wie der Bild-Status des technisch-apparativen Bildes zu bestimmen ist. Ausgangspunkt ist der Hybrid-Charakter von Sprache und Bild: Sprache evoziert mentale Bilder, Bilder evozieren Namen. Bilder können als bloße Erscheinungen nur sich selbst offenbaren. Bilder können jederzeit als Zeichen für etwas stehen: für das, was im Bild präsent, aber nicht anwesend ist.
Zu untersuchen ist der Bildstatus hinsichtlich:?- der Dominanz/Kolonisierung durch das mächtige Leitmedium Sprache (Domestikation, Zähmumg, Rhetorisierung des Bild-Schreckens; Einhegung von ikonischer Vieldeutigkeit etc?- aller Formen der ikonischen Emanzipation von der Vorherrschaft sprachlich-ideeller, narrativer Muster?- aller bildspezifisch - nichtlinearen Prozesse des Zeichen-Verweises im offenen Netzwerk der kulturellen Bedeutungen.?Seminare und Workshops zum technischen Bild sind für die abschließende Förderphase insbesondere mit Kay Kirchmann, Siegfried Zielinski und Peter Weibel geplant.

Jutta Held: Grundlagen und Perspektiven der Bildanalyse
Ausgehend von ihren umfangreichen Studien in dem mit Norbert Schneider gemeinsam verfaßten Buch „Grundlagen der Kunstwissenschaft“ zu Fragen der Bildanalyse beabsichtigt sie, innerhalb des GK künftig den Schwerpunkt auf methodologische Fragestellungen zu legen. Dabei soll die Validität aktueller Ansätze und Methoden der Analyse von Zeugnissen der visuellen Kultur (z. B. des Poststrukturalismus, der feministischen Kunstgeschichte, der Post-Colonial-Studies usw.) im Hinblick auf das Konzept der Bildwissenschaft geprüft werden. Zugleich ist aber auch eine – von den Stipendiaten immer wieder als wünschenswert bezeichnete – Aufarbeitung älterer Methoden der Kunstgeschichte angestrebt, die gerade dort, wo sie nicht im Mainstream lagen, trotz ihrer gelegentlich stark zeitbedingten Begrifflichkeit mitunter eine bemerkenswerte Affinität zu neuen Argumentationsmustern aufweisen. Ein zentrales Anliegen ist, über diese fach- und methodengeschichtlichen Aspekte hinaus, die Erarbeitung von Verfahren einer Erschließung von epochenspezifischen Momenten in Bildern, d.h. es geht nicht darum, gleichsam fixe Epochenbegriffe deduktiv auf visuelle Dokumente zu applizieren, sondern gerade umgekehrt darum, ein (prinzipiell revisionsoffenes) Epochen- bzw Periodisierungsmodell aus den inner- und außerästhetischen Bilddiskursen erst zu erschließen. Hierzu sind Seminare vor allem mit Beat Wyss, Norbert Schneider und Gottfried Boehm geplant.

Kay Kirchmann:
a) Vergleichende Bildwissenschaft / Dispositiv
Am ‚Interdisziplinären Zentrum für Medien’ der Universität Erlangen entsteht gerade ein interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt ‚Vergleichende Bildwissenschaft’, der von den Fächern Theater- und Medienwissenschaft, Kunstgeschichte, Buchwissenschaft und Kommunikationswissenschaft gleichermaßen bestellt wird. Gemeinsamer Fragehorizont ist die Erstellung bildvergleichender Methodiken und Analysekonzepte, die es erlauben, Bilder in ihren medialen, funktionalen und historischen Differenzen und Analogien systematisch zu erfassen. Ein solches methodisches framing könnte das Dispositiv-Konzept bereitstellen, das nach den je unterschiedlichen Wahrnehmungs(an)ordnungen in der Bildbetrachtung fragt, wie sie durch die jeweiligen Bildapparaturen räumlich-perzeptiv figuriert werden. Indem Bilder auch die Körper der BetrachterInnen in einem bestimmten Wahrnehmungsarrangement positionieren und (partiell) fixieren, formulieren sie jeweils konstitutive Lektüreanordnungen zum Bild, die zugleich als medien- und bildkomparatistische Untersuchungsfolie operationalisiert werden können.
Workshop:   „Das Dispositiv in medienkomparatistischer Perspektive“ am IMZ der Universität Erlangen in WS 2006/2007                 

b) Politische Ikonographie / Bildrhetorik
Bilder jedweder medialer Provenienz operieren und fungieren spätestens seit dem Zeitalter der Französischen Revolution immer auch in politischen Funktionskontexten. Die von Michael Diers mit dem Begriff des ‚öffentlichen Bildes’ in Anschlag gebrachte Leitdifferenz zwischen tradierten Kunst- und modernen (populären) Bildrhetoriken verliert im Zeitalter technisch produzierter Massenbilder und deren Reflexion in künstlerischen Teilpraxen womöglich (endgültig) an Trennschärfe. Zu fragen wäre, inwieweit eine medial bereinigte und insofern differenzierungsfähige(re) Neuformulierung der klassischen Bildrhetorik heuristisch veritable Instrumentarien für die Modi einer politischen Ikonographie im Zeitalter massenmedialer Bildproduktion und -rezeption bereitstellen könnte. Ein weiterer Aspekt wäre hierbei die Analyse des Funktionswandels unterschiedlicher Bildmedien an relevanten medienhistorischen Umbruchstellen im Hinblick auf ihre jeweilige Position innerhalb des Diskursgefüges der politischen Ikonographie.
Workshop: „Bildrhetorik und politische Ikonographie im medienhistorischen Wandel“ an der HfG Karlsruhe, evtl. in Zusammenarbeit mit dem GrK „Mediale Historiographien“ der Bauhaus-Universität Weimar in 2007.             

c) Interkulturelle Bildhermeneutik
Interkulturelle Verstehensprozesse werden seit einige Jahren verstärkt als Problemhorizont kulturwissenschaftlicher Forschungsfelder thematisiert und untersucht. Hierbei verschreibt sich v.a. das Erlanger Graduiertenkolleg „Kulturhermeneutik im Zeichen von Differenz und Transdifferenz“ einem Ansatz, der kulturelle Mehrfachzugehörigkeiten und Überlagerungen zum epistemologischen Ausgangspunkt einer kulturalistisch bereinigten Hermeneutik erhebt. Fruchtbar könnte die Erweiterung dieses Konzepts, das bislang primär auf literaturwissenschaftlichen und philosophischen Säulen ruht, auf Fragen interkulturellen Bildverstehens sein. Gerade im Zeitalter visueller Massenkommunikation haben sich bislang unterschätzte kulturelle Differenzen im Hinblick auf die Lesbarkeit visueller Zeichen aufgetan, die u.a. im Kontext der Tsunami-Katastrophe von 2004/05 ihre konkrete Brisanz tragisch unter Beweis gestellt haben. Methodiken der Bildanalyse werden sich daher künftig verstärkt auf ihre Berücksichtigung kultureller Verstehensdifferenzen in der Bildkommunikation befragen lassen müssen. Eine diesbezügliche Kooperation der Karlsruher und Erlanger GKs könnte erste Bausteine für eine konstruktive Integration der Interkulturalitätsforschung in bildwissenschaftliche Fragestellungen (und vice versa) offerieren.               
Workshop: „Optionen und Probleme interkultureller Bildhermeneutik“
An der HfG Karlsruhe oder der Universität Erlangen, in Zusammenarbeit mit dem Erlanger GK „Kulturhermeneutik“ in 2007/08
Christiane Kruse: Der Ort der Bilder. Kulturgeschichte der Imagination
Das Thema der inneren und äußeren Bilder/Repräsentationen hat in den letzten 15 Jahren an kultur- und bildwissenschaftlicher Bedeutung gewonnen. Etwa zeitgleich wurde Anfang der 1990er Jahre das ‚Jahrzehnt des Gehirns’ ausgerufen, das die Neuro- und Kognitionswissenschaften beflügelte. Die Erforschung der neuronalen Prozesse des Visus bildet heute einen Schwerpunkt der internationalen Neurowissenschaft. Die Interdependenz von mentalen und medialen Bildern rückt dabei in den Fokus der Fragestellungen beider Wissenskulturen. Die Hypothese, daß jeder künstlichen oder medialen Bildproduktion ein komplexer Austausch von wahrgenommenen und imaginierten Bildern zugrunde liegt, teilen Bild- und Neurowissenschaften miteinander.
In einem hierzu zunächst vorbereitenden Workshop (27.-28.1.2006) werden zusammen mit den Kollegiaten Birgit Mersmann, Tanja Klemm, Beate Fricke, Raphaèle Preisinger, Jörg Seifert, Karin Leonhard sowie Gastwissenschaftlern kulturhistorische und systematische Konzepte der Imagination und des Imaginären erarbeitet. Dabei werden zunächst ausgewählte disziplinäre Konzepte von Imagination aus philosophischer, wissenschafts-, kunst-, literatur-, neurowissenschaftlicher und interkultureller Perspektive vorgestellt und diskutiert. Folgende Aspekte sollen dann im transdiziplinären Gespräch der Workshop-TeinehmerInnen erörtert werden:
    •    aus wissenschaftsgeschichtlicher und neurowissenschaftlicher Perspektive: der ‚Ort der Imagination’ in der Anatomie des Gehirns; die neuronalen (biochemischen und biophysikalischen) Prozesse mentaler Bilder; die Relation von Wahrnehmungsbildern und Bildern der Imagination
    •    aus philosophischer Perspektive: die Rolle und Bewertung der Imagination im Prozess der Erkenntnis und der Wissensproduktion
    •    aus kunstwissenschaftlicher Perspektive: die Funktion der Imagination und die Relation von Wahrnehmung und Imagination im kreativen Prozess der Bildproduktion; die Funktion der Imagination bei der Rezeption von Kunst, der Anteil der Affekte, die Beteiligung des Körpers
    •    aus literaturwissenschaftlicher und interkultureller Perspektive: kulturelle Bedingungen von Imagination; Konzepte der Imagination in anderen Kulturen.
Aus dem Workshop soll eine 2007 am Graduiertenkolleg stattfindende Tagung hervorgehen, deren Themenschwerpunkte/Sektionen und Teilnehmerkreis geplant werden.

Lothar Ledderose: Fragen an die Bildmedien in China
1. Formate: Die Chinesen haben etliche, sehr unterschiedliche Formate für ihre Bilder entwickelt: Querrolle, Hängerolle, Album, Fächerblatt, Stellschirm, Wandmalerei etc. Jedes Format verlangt eine spezifische Art und Weise der Betrachtung. Beispielsweise werden Querrollen nur zum Zweck der Begutachtung aufgerollt, während Hängerollen an den Wänden hängen können, auch wenn sie niemand sieht. Auch die Situation der Bildbetrachtung und die Auswahl der Teilnehmer sind durch das Format bedingt.
2. Dokumentation: Die Geschichte eines Bildes ist in China oft auf dem Bild dokumentiert, angefangen von der Aufschrift des Malers und seinen Siegeln über Aufschriften und Siegel des Bildempfängers bis hin zu den oft zahlreichen Kolophonen späterer Sammler und Connaisseure. Alle Hinzufügungen werden ebenfalls mit Pinsel und Tusche vorgenommnmen, d.h. die Dokumentation ist dem gleichen ästhetischen System verpflichtet, wie das Bild selbst. Diese spezifische Art der Überlieferung hat zur Folge, daß kein Zeitpunkt bestimmt werden kann, zu dem ein Bild seine endgültige Gestalt gewonnen hat.
3. Fließender Bildbegriff: Der Originalbegriff ist in China ein anderer als im Europa der Neuzeit, denn der Unterschied zwischen Original und Kopie ist kein kategorischer. Der Zeitpunkt, zu dem ein Bild entsteht, kann fließend gedacht sein, die materielle Substanz eines Werkes kann in großen Teilen ausgetauscht werden. Die Originalität eines Künstlers kann gerade in der Art und Weise liegen, wie er eine „vorgeschriebene“ Form interpretiert. Hier ähnelt ein chinesischer Maler einem Interpreten von Musik.
4. Tod und Realismus: Bekanntermaßen war eine realistische Wiedergabe der Welt nicht das vornehmste Ziel chinesischer Künstler. Nur in der Darstellung von Toten bemühten sie sich um Realismus bis hin zu extrem veristischer Gestaltung. Ein Beispiel sind die bis ins kleinste Detail der Uniformen naturgetreu geformten Krieger der weltberühmten TerrakottaArmee aus der Grabanlage des Ersten Kaisers (starb 211 v.Chr.).
5. Reproduktion: Jemand, der das Abbild eines Menschen herstellt, eröffnet sich damit zugleich die Möglichkeit, weitere Abbilder des gleichen Menschen herzustellen. Die Chinesen haben sehr früh und mit sehr vielfältigen Methoden der Reproduktion von Bildern experimentiert. Ein Beispiel ist die Technik des Holzschnitts auf Papier, der bereits im 9. Jahrhundert n. Chr. voll entwickelt war. Ein Ziel der meisten Reproduktionstechniken war es, nicht mehr unterscheidbare Versionen herzustellen, d.h. Bilder zu klonen.
6. Meditationsbilder: Im Buddhismus und im Daoismus gibt es Meditationsbilder und auch eine entsprechende Bildtheorie. Diese erkärt u.a. Methoden der Visualisierung heiliger Gestalten und die vielschichtigen Bezüge zwischen Betrachter, Bildmedium und religiöser Realität.
7. The Power of Images: Der sozialistische Realismus gestand Bildern noch eine Wirkmächtigkeit zu, die sie heute in anderen Hochkulturen weitgehend verloren haben. Porträts von Mao Zedong fungierten wie Ikonen, und Historienbilder mußten ergänzt und übermalt werden, wenn die dargestellten Politiker in Ungnade gefallen waren.
Lothar Ledderose hat bisher inbesondere in Zusammenarbeit mit Hans Belting in mehreren interdisziplinären Seminaren für das GK den interkulturellen Vergleich der Bildkulturen in Ost und West thematisiert. Dies wird auch für die dritte Förderphase das Anliegen sein.
 
Thomas Macho: Zur Geschichte der Kulturtechniken: Repräsentation und Projektion
Im Rahmen einer Geschichte der Kulturtechniken plant er eine Untersuchung der (Technik)-Geschichte der Projektion. Der Begriff der Projektion soll als Gegenbegriff zum ubiquitären Begriff der Repräsentation entfaltet und theoretisch fundiert werden, wobei besonders die Konsequenzen für den Bildbegriff interessieren. Zum Thema gehören aber auch die Interferenzen zwischen den Kulturtechniken der Geometrie, der Schrift und der Projektion. Im Zentrum soll hier die Geschichte der Transformationen der Träger von Schriften, Notationen oder Bildern stehen – und zwar als eine Geschichte der Idealisierung von Flächen.
Erste Überlegungen zu diesem Thema sind bereits in kleinen Essays zur „weißen Seite“ (u.a. in der Neuen Rundschau) und zur „Geschichte der Unterschrift“ (u.a. in einem Sammelband zur Schriftbildlichkeit, der im Fink-Verlag erscheinen wird) niedergelegt. Seminare zu diesem Themenfeld sind insbesondere mit Hans Belting, Beat Wyss und Lothar Ledderose geplant.

Norbert Schneider: Konstitutionsprozesse ästhetischer Wertung von Bildern
Die Beschäftigung mit den im letzten Antrag genannten Problemstellungen wird zwar fortgesetzt; als Forschungsprogramm und als Beitrag zur Betreuung der Kollegiaten kommt jedoch neu ein Themenbereich hinzu, wie er im Ausblick des Forschungsprogramm bereits skizziert ist und dessen Untersuchung im Rahmen der Arbeit an dem mit Jutta Held gemeinsam verfaßten Buch „Grundlagen der Kunstwissenschaft“ als ein noch nicht erledigtes Desiderat der Fachdisziplin, im weiteren Sinne auch der Bildwissenschaft, deutlich geworden ist. Es handelt sich um das Problem der Konstitutionsprozesse ästhetischer Wertung von Bildern, darüber hinaus der Rekonstruktion von Mechanismen der Kanonbildung und Kanonrevision. An ausgewählten historischen Beispielen sollen zum einen die ethischen, politischen, religiösen (usw.) Implikate ästhetischer Wertung sowie deren kulturelle Parameter und Legitimierungsstrategien, zum anderen die Standardisierung und Verfestigung dieser Wertmuster in relativ festen Kanones analysiert werden. Dabei wird sich das Forschungsinteresse vorrangig auf die Interaktionsprozesse innerhalb der an der Wertkonstituierung maßgeblich beteiligten Institutionen konzentrieren (Kunstmarkt, Kunstkritik, Kunstwissenschaft und Kunstvermittlung). Seminare hierfür sind gemeinsam mit Jutta Held und Beat Wyss, aber auch mit Ursula Frohne geplant.

Ulrich Schulze: Medien und Bildmedien in der Architektur
Ulrich Schulze wird als assoziiertes Mitglied des Kollegs, insbesondere gemeinsam mit Beat Wyss, die Funktion von „Medien und Bildmedien in der Architektur“ des 16. – 18. Jahrhunderts untersuchen. Wegweisend wird dabei die Frage sein, welche Rolle das anthropomorphe Modell von Architektur spielt und welche Bedeutung ihm im Kontext der Interrelationen von Körper und Repräsentation wie auch Bild, Macht und Metaphorik zukommt. Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit ist der Escorial Philipps II. als gebauter Kanon, als metrisches System, aber auch als Abbild des gesamten Staates: als Ort der Erinnerung (Memoriastrategien), als Archiv menschlich-ritueller Handlungen, als Pendant zum göttlichen Schöpfungsakt.

Peter Weibel: Bild, Technologie und Wahrnehmung
Forschungsschwerpunkte einer mediengestützten Bildwissenschaft, die sein Thema ist und eines der zentralen Anliegen des Forschungsprogramms des GK darstellt, können auf dreifache Weise skizziert werden:
- Neue Praktiken des Bildes in Beziehung zu seinen technischen Trägermedien, neue Bildtechnologien an der Schwelle einer Materialrevolution.
- Neue Untersuchungen der Beziehung der Bilder zur Realität, Beiträge zur medialen Konstruktion von Wirklichkeit.
- Neuformulierungen der Beziehungen der Bilder zum Körper, die Konditionierung des Körperbildes durch die Medien.
Konkret kann das im Ausblick des Sprechers dargestellte Programm für die dritte Förderphase wie folgt umgesetzt werden: Mit der zunehmenden Auflösung des künstlerischen Monopols der Bilderzeugung, wie es noch in der Renaissance üblich war, durch die Erfindung der Fotografie, der Entwicklung der unterschiedlichen Bildübertragungssysteme und schließlich dem Augenblick, in dem Maschinen Bilder automatisch herstellen konnten, geriet auch das anthropologische Monopol der Bilderzeugung und Bildverarbeitung aus dem Gleichgewicht. Der Verlust des künstlerischen Monopols bedeutete jedoch gleichzeitig auch den Beginn einer neuen Sozialgeschichte des Bildes. Die Wirkungen dieses Wandels, die alltäglichen Erfahrungen mit den neuen Funktionen und Orten der Bilder in der Gesellschaft sind kaum wissenschaftlich erforscht, weder quantitativ noch qualitativ, weder kulturphilosophisch noch sozialtheoretisch. Ein eng mit dem GK geplantes multidisziplinär und international besetztes Symposium mit dem Titel „Das Bild in der Gesellschaft. Neue Formen des Bildgebrauchs“ wird im Januar 2006 im ZKM dieses Forschungsfeld, das eng an die Themen von Großklaus, Kirchmann und Zielinski anschließt, gerade auch für die weitere Förderphase des GK eröffnen.

Gerhard Wolf: Bilder/Orte. Mediterrane Perspektiven 500-1500
 In Zusammenarbeit des GK und das KHI – Max Planck Institut in Florenz  –  sollen als neuer Forschungsschwerpunkt Bildtransfer und Bildkonflikte im Mittelmeerraum von der Spätantike bis in die Frühe Neuzeit untersucht werden. Dies bedeutet zunächst eine Kartierung unterschiedlicher Konstellationen von Bildern und Orten in religiösen und politischen Diskursen, von der Translation von Bildern (in Begründung neuer Kultzentren etc.) bis zu jener von Orten durch Bilder (im Spannungsfeld von site-specifity und Ubiquität) reichend. Impliziert ist die Frage nach der realen oder imaginären Beziehung von dem Ort, an dem sich die Bilder ansiedeln, zu jenem, den sie imaginieren, wobei wiederum die historisch wandelbaren Bezüge von Bild- und Körperkonzepten in den Blick kommen. In concretu versucht dieser Schwerpunkt eine vergleichende Bildtopologie des Mittelmeerraums im Untersuchungszeitraum zu entwerfen, wobei auch die Möglichkeiten und Grenzen des Bildbegriffs als Arbeitsinstrument interkultureller Analysen (zwischen Judentum, Islam und Christentum westlichen und östlicher Prägung) hinterfragt werden müssen. Solche Grenzfelder liessen sich als Rahmendiskurse bezeichnen, wobei textile Medien (z.B. Teppiche), Schrift und Ornament als Träger in Prozessen der Markierung, Übertragung oder Verhandlung eine noch wenig thematisierte Rolle spielen. Aufs Ganze gesehen, unterstellt das Projekt eine dynamische Beziehung von Orten, Räumen und Visualisierungen in bildlicher oder anderer Form, die der neuen Ikonologie weite interdisziplinäre Perspektiven eröffnen und Kernanliegen des Grako betreffen. Geplant ist eine Tagung in Jordanien (Madaba/ Berg Nebo 2007).

Beat Wyss: Ordnung und Orte der Bilder
Der Frage nach den „Ordnungen und den Orten der Bilder“, wie sie im Bericht und Ausblick formuliert sind, ist eine Publikation von Beat Wyss verpflichtet, die im Oktober 2005 unter dem Titel: „Bildergeschichte zur Kunst“ erscheinen wird. Darin entwickelt Wyss einen Vorschlag von Ordnungen aus kunsthistorischer Sicht, die innerhalb des GK in der dritten Förderperiode weiter entwickelt werden sollen. Das Buch fragt in einem ersten Schritt nach der Wahrheit im Bild heute, das wir das „fotografische Zeitalter“ überschritten haben. Mit dem digitalisierten Bild, so die These, hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß die Wahrheit nicht im Bilde selber steckt, sondern, im Sinne einer „rhetorischen Wende“, in der der Deutungsarbeit der Betrachter. Der zweite Schritt unternimmt eine zeichentheoretische Definition des Bildes im Anschluß an Charles Peirce. Seine Trias von „Ikon“, „Index“ und „Symbol“ bietet die Grundlage einer historischen Klassifizierung von Bildstrukturen. Danach bleibt die visuelle „Wahrheit“ eines Bildes für eine bestimmte geschichtliche Dauer gültig. Der Versuch einer historischen Epistemologie, die auf den „Diskurs“ der Bilder übertragen werden soll, weiß sich Michel Foucault verpflichtet. Im dritten Schritt geht es um die „Nachträglichkeit der Bilder“, die ebenso weiter zu entwickeln ist und die eine Brücke schlägt zwischen Kunstgeschichte und Psychoanalyse über eine diskursanalytische Lektüre von Warburg, Panofsky und Freud. Schließlich soll für die „Ordnungen der Bilder“ das Modell der Systemtheorie von Niklas Luhmann diskutiert werden. Mit dem Entwurf einer Geschichte der Kunstautonomie entsteht hier ein sehr interessanter Abriß der Kunstgeschichte als Bildergeschichte.
Der Versuch, mehrere Methoden der Bildanalyse miteinander zu vernetzen, ermutigten Wyss zu den bereits genannten Tagungen und Workshops der laufenden Förderperiode, die sich explizit mit Fragen der Phänomenologie, der Semiotik und der Ikonologie auseinandergesetzt haben. Dieser Dialog soll in der kommenden Periode fortgesetzt werden. Folgende Veranstaltungen sind hierzu geplant: 1. Workshop zu Bild und Psychoanalyse; 2. Workshop zum Bildkonzept der Hamburger Schule (Michael Diers, Uwe Fleckner, Martin Warnke); 3. Eine Tagung mit der semiotischen Marburger Schule um Klaus Sachs-Hombach. Zum Abschluß der dritten Förderphase ist ein großes internationales Symposium gemeinsam mit dem ZKM geplant.
Nach den „Ordnungen der Bilder“ werden auch die „Orte der Bilder“ in den kommenden drei Jahren eine besonderer Schwerpunkt sein. Nachholbedarf besteht für das GK insbesondere zum Bild und seinen Zusammenhang mit seiner räumlichen Inszenierung. Explizit soll hier, in Zusammenarbeit mit Ulrich Schulze, die Architektur beschäftigen, die als Ort zur Betrachtung der Bilder dient. Untersucht werden soll dabei, inwiefern Ordnungen und Formen des Bilderwissens sich architekturtypologisch eingeschrieben haben. Ein zweites Projekt soll den Kinobauten gelten, welche die Tradition des Theaters und seine Organisation der Zuschauer beerben.

Siegfried Zielinski: Archäologie der Zeitkünste
Mit seinen aktuellen Untersuchungen zur „Archäologie der Zeitkünste“ will Zielinski weiter in die Tiefenzeit medialer Konstellationen eindringen und dabei die Spur der bildenden Kraft des Elektrischen von archaischen Phänomenen wie der Biolumineszenz bis hin zur audiovisuellen Zeitmaschine „Computer“ verfolgen. Eine solche Retrospektive soll noch unerfasste Einsichten in das spannungsreiche Wechselverhältnis zwischen Bildern der Bewegung und Bildern der Zeit liefern.
Als Quelle unerschöpflicher Diskussionen über Kulturtechniken und Technikkultur stellt sich nach wie vor die Spannung zwischen Kalkulation und Einbildungskraft, zwischen Berechnung und Unberechenbarkeit, zwischen Maß und Maßlosigkeit heraus. Sie ist nicht auflösbar, und jede dogmatische Entscheidung für einen ihrer Pole kann nur zu Lähmungen führen. Aber man kann sie in experimenteller Praxis erforschen und immer wieder neu ausloten. Radikale Versuche, die Grenzen des Formalisierbaren so weit wie möglich in Richtung des nicht Berechenbaren zu verschieben, und umgekehrt, die Kräfte der Einbildungskraft so weit wie nur möglich in die Welt der Algorithmen vordringen zu lassen, können dabei helfen, für eine durch Medien stark geprägte Kultur mehr Klarheit zu gewinnen und Handlungsspielräume zu eröffnen. Eine Archäologie der Medien wird diesen Aspekt der Verschränkung des Medialen mit dem Imaginären herausarbeiten können. Hierzu ist eine Tagung gemeinsam mit den Kollegiaten des GK geplant.
    •    Folgende Themen können hier insbesondere für Promotionsprojekte ausgeschrieben werden:
    •    Archaische Phänomene des Elektrischen, des Magnetismus und des Elektromagnetismus (Antike bis Ende des 16. Jahrhunderts)
    •    Beginn der systematischen Erforschung des Elektrischen und die Entwicklung erster Artefakte zur künstlichen Erzeugung von Elektrizität (1600 bis Mitte des 18. Jhdts.)
    •    Frühe elektrische Medienmaschinen und die Entdeckung einer Kunst in der Zeit (bis Mitte 19. Jahrhunderts)
    •    Fotografierte Zeit. Fokus: Etienne Jules Mareys chrono(foto)grafische Methode der Dynamisierung von einzelnen Bildkadern (1880er und 1890er)
    •    Zur Elektrifizierung des mechanischen Kinoherzens (1880er und 1890er)
    •    Das elektrische Perspektiv (Modelle des Fernsehens, 1880er bis 1920er)
    •    Audiovisuelle Zeitmaschine I: Video
    •    Audiovisuelle Zeitmaschine II: Computer