Migration der Formen. Gemeinsame Vergangenheit oder moderne Utopie?

13.07.2007 to 14.07.2007

Kunsthochschule Kassel

Öffentliche Podiumsdiskussion zur documenta 12. Eine Kooperation zwischen der Kunsthochschule Kassel und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Die beiden Podien diskutieren kritisch die Ansprüche der laufenden documenta 12. Anstatt eine Leistungsschau der „besten“ und „teuersten“ KünstlerInnen der gegenwärtigen Szene zu bieten, zeigt diese Ausstellung die ästhetischen Möglichkeiten neuer Erfahrungsräume auf: offene Möglichkeitsräume, in denen nichts fixiert scheint, alles auch ganz anders sein könnte, sich Altes mit Neuem vermischt und Grenzen zwischen unterschiedlichsten Bildkulturen mit einem Male offen und fließend zeigen. Das Schlagwort, das für dieses Prinzip die Runde macht, lautet: „Migration der Formen“. Zum einen werden Formschicksale der Moderne und die Gleichzeitigkeit und Kontingenz ihrer vielen verschiedenen Formen aufgezeigt. Zum anderen soll –zumindest als Angebot – deutlich werden, dass die Globalisierung von Formen nicht exklusives Phänomen der Gegenwart ist. Doch verweisen die vielen, frei gesetzten formalästhetischen Verknüpfungen wirklich auf bestehende Verbindungen? Öffnen sie jenseits der tiefen kulturellen und politischen Differenzen tatsächlich einen gemeinsamen, unbewussten, neu zu entdeckenden und zu erfahrenden Horizont? Zeigt sich hier nicht vielmehr die modernistische Ideologie des Universalen?
Die Ausstellung – die zwar keine Ausstellung im klassischen Sinn mehr sein will und dennoch zahlreiche Bezüge zur Geschichte der documenta herstellt – führt auch klassisch moderne Verfahrensweisen der Bildwissenschaft vor. Aby Warburgs Mnemosyne-Bilderatlas – der sich im Wesentlichen auf die Wanderung von Formeln (und nicht Formen!) zwischen Antike und Renaissance beschränkte (was allein schon ein unendliches Unterfangen war) – wird in der documenta 12 global erweitert. Doch tragen diese Verbindungen, oder werden sie beliebig und bedeutungslos?
Die Kuratoren entfernen sich von „korrekten“, eindeutigen wie überdeterminierten Interpretationen zugunsten einer neuen Poetik der Formen, jenseits der Kriterien von gut und schlecht, falsch oder richtig. Viele wenig bis nicht bekannte, vergessene, wieder gefundene und neu gesehene Positionen werden gezeigt – vor allem aus den 1960/70er Jahren. Kaum Spektakel mit großen Werken und stattdessen eine offene Verknüpfung vieler kleinerer Arbeiten. Damit artikulieren sich explizit kulturpolitische Ansprüche: Eine neue Ethik des Sehens, eine neue Bildung und eine neue Verknüpfung mit der Geschichte, jenseits avantgardistischer Überbietungsstrategien und der Moderne als immer wieder neue tabula rasa. Wie können wir den Folgen der Globalisierung intellektuell, emotional und poetisch begegnen?

Konzeption: Kristin Marek, Martin Schulz

Rednerliste

Hans Belting
Andrea Buddensieg (ZKM Karlsruhe)
Danica Dakic (Düsseldorf)
Amine Haase (Kunstforum International)
Kai-Uwe Hemken (Kunsthochschule Kassel)
Kristin Marek (Kunsthochschule Kassel)
Rainer Metzger (Kunstakademie Karlsruhe)
Martina Köppel-Yang (Paris)
Mischa Kuball (HfG Karlsruhe)
Lothar Ledderose (Universität Heidelberg)
Ursula Panhans-Bühler (Kunsthochschule Kassel)
Hans Ulrich Reck (Kunsthochschule für Medien Köln)
Martin Schulz (Karlsruhe)
Katharina Sykora (Akademie der Bildenden Künste Braunschweig)
Beat Wyss (Karlsruhe)