Symposium // Simulakren des Begehrens. Vom 'Tun im Bild' in Pierre Klossowskis Werk.

24.02.2007

Eine Kooperation des Graduiertenkollegs Bild – Körper – Medium. Eine anthropologische Perspektive mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln und dem Museum Ludwig, Köln.

„Roberte, dieser Name ist selbst schon ein Bild.“ (Pierre Klossowski)
„Das Begehren, der Wert und das Simulakrum bilden ein Dreieck, das uns beherrscht und uns konstituiert hat, zweifellos seit Jahrhunderten schon, in unserer ganzen Geschichte…“ (Michel Foucault nach der Lektüre von Klossowskis Lebendes Geld in einem Brief.)
„Die Realität findet übrigens ihre Wahrheit  erst in ihrer Reproduktion, allein die Fiktion macht die Existenz authentisch.“ (Pierre Klossowski, Die Ähnlichkeit)
„Die Wirklichkeit des Werkes bestimmte sich aus dem, was im Werk am Werke ist, aus dem Geschehen der Wahrheit.“ (Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes)
 
Das bildnerische Werk des französischen Philosophen und Literaten Pierre Klossowski knüpft an ein Bildverständnis an, das sich mit dem Kunstbegriff der Moderne nur schwer fassen lässt. Seine großformatigen Figurenbilder, die in einer zeichnerischen Strichtechnik zwischen den 1950er und 1990er Jahren entstanden sind, variieren erotische Szenen als körperliche und ästhetische Herausforderung an die Betrachter. Der Transparenz von Fresken vergleichbar, scheinen Klossowskis Darstellungen eher an die pikturale Praxis des mediterranen Mittelalters anzuknüpfen, in der die Wirkmacht des Bildes noch als Teil der Wirklichkeit aufgefasst wurde und der Sinngehalt des Bildlichen „als das Reale des Übernatürlichen“ galt.
Im Rahmen einer Ausstellung, die Pierre Klossowskis bildnerisches Werk kurz nach seinem hundertsten Geburtstag im Museum Ludwig in Köln erstmalig in einem größeren Überblick in Deutschland präsentiert, widmet sich das Symposium der Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Bildcharakter, den affizierenden bzw. exorzierenden Wirkungsweisen der Motive und der medialen Übersetzungen vom Text ins Bild und in den Imaginationsraum der Betrachter. Schwerpunkte der Auseinandersetzung bilden die Aspekte des Simulakrums und der Handlung als zentrale Ausdruckskategorien der Bildpraxis bei Klossowski. Der Blick auf den Körper als ein aktives Gegenüber und auf dessen Sprachen im Sinne eines „Kommunikationssimulakrums“ (Walter Seitter) wird für diesen Diskurs ebenso von Belang sein wie die Fixierung der erotizistischen Bildsprache auf die Logik des Sehens und Gesehen-Werdens durch den Zuschauer.
In seinem bildnerischen Œuvre beschwört Klossowski fast mit akademischem Realismus die Obsession eines Privatmythos, der den Zustand der der doppelten Verankerung des Bildes in Realität und Mythos manisch umkreist. Das Oszillieren von Tatsächlichem und Scheinbarem generiert ein Motiv ständiger Verwandlung und ein Spiel der Verführung – nicht zuletzt durch das Bild selbst. Die lebensgroßen Transfigurationen seiner literarischen Protagonisten Roberte und Octave sowie ihrer mythologischen Metamorphosen Diana und Aikton posieren in trompe l’œil-artigen erotizistischen Schaubildern, die den Chimärencharakter des Bildes und der Bildinhalte zelebrieren und zugleich darauf angelegt sind, in der Vorstellung der Betrachter neue Trugbilder des Begehrens zu evozieren. Klossowskis Bildsequenzen agieren wie lebende Organismen, die einerseits vom zeitintensiven Entstehungsprozess der Zeichnung animiert und zur Leibhaftigkeit getrieben sind, sich aber andererseits als phantomhafte Erscheinungen immer wieder einer rein voyeuristischen Aneignung entziehen. Die Ver-Wirklichung ihres Tuns im Bild (Klossowski) gleicht der Erfindung des Doubles, als einer sich replizierenden Stellvertreterfigur, die nach den Gesetzen der Ähnlichkeit und mit der Verführungskraft des Simulakrums die Hingabe des Zuschauers an das Moment der visionären Ein-Bildung zu bewirken vermag, ähnlich wie zur Vorstellungswelt der bürgerlichen Sexualität Rollenspiele, Kostümierungen und Fetischisierungen als Stimulanzen der Phantasie gehören. Bild und Begehren vermählen sich in der ikonenhaften Erstarrtheit von Klossowskis Szenen, dem Pathos ihrer Körpersprache und dem Wiederholungsmotiv ihrer erotischen Exhibition. Klossowskis Obsession der Sexualisierung seines künstlerischen Modells übersetzt die Leibhaftigkeit des Phantasmas in ein subversives Tun im Bild.
Nach der verspäteten Entdeckung von Klossowskis bildnerischem Werk und dessen verkürzter Rezeption im Kontext der transgressiven Malereiexzesse der 1980er Jahre, gibt die aktuelle Ausstellung Anlass zu einer Neupositionierung seiner libertären Bild- und Vorstellungswelten. Im Blickfeld der Massenmedien ist der Topos der erotischen Überschreitung und sexueller Extremphantasien längst zum Allgemeingut heutigen Freizeitverhaltens geworden, wenn auch auf einem anderen Niveau der Imagination. Dieser Entwicklung gegenüber muss sich eine Auseinandersetzung mit Klossowski und seiner frühren Bezugnahme zu Figuren wie dem Marquis de Sade oder Georges Bataille und Sacher-Masoch positionieren. Seine Auseinandersetzung mit dem religiösen Erbe sowie der philosophischen Tradition bildet den Hintergrund eines schillernden schriftstellerischen sowie bildnerischen Werkes. Klossowskis Übertragung der klassischerweise kleinformatigen und Intimität evozierenden Erotikdarstellung in lebensgroße Schaubilder wird hinsichtlich ihrer affektiven Wirkung bzw. ihres affektiven Verlustes und der möglichen Umkehr in die Parodie dieses Genres zu befragen sein. In welchem Verhältnis stehen die Pathosstrukturen der Figurbildungen zum Pathologischen der Zur-Schaustellung? Auf welche Weise interagieren Repräsentation und Verstellung als machtvolle Wirkungsprinzipien der Wirklichkeitsgenerierung im Bild? Sind Klossowskis Simulakren als Vorwand zu verstehen, als Sublimation einer im Bild anstatt im Leben vollzogenen Handlungsfolge? Wie lässt sich das Spannungsfeld umreißen, das zwischen erotischem Dilletantismus und dilletantischem Voyerismus, zwischen plakativem Begehren und der möglichen Brechung jener Stereotypen und mythologischen sowie religiösen Lasten in Klossowskis entsteht? Erzeugen die sequentiellen Motivreihungen und Wiederholungsstrukturen einen Animationseffekt ganz anderer Ordnung, der in der Übergangszone zwischen den emotionslosen Bewegungsabläufen eines de Sadeschen Sexualkalküls und den Wirkungsprinzipien filmischer Wirklichkeitsillusion zu situieren wäre?  
Wenngleich die bildnerischen Werke Klossowskis den erklärten Fokus der Diskussion bilden, sollen die schriftstellerischen, übersetzerischen und philosophischen Arbeiten für die Klärung der zentralen Begriffe des Simulakrums und des Begehrens fruchtbar gemacht werden, um jenseits der Bildwelten Klossowskis neue Perspektiven auf die ästhetische, affektive und handlungsmotivierende Wirkungsmacht von Bildern eröffnen.

Rednerliste
Marie-Luise Angerer (Köln)
Ursula Frohne (Köln)
Elke Gaugele (Wien)
Michael Goddard (Lodz)
Katja Hoffmann (Köln)
Cornelia Klettke (Münster)
Jacques Le Rider (Paris)
Walter Seitter (Wien)