Workshop Iberische Bildkulturen: Grenzen und Kongruenzen.

22.05.2008 to 24.05.2008

Kunsthistorisches Institut in Florenz (MPI)

Nachdem arabische Heeresverbände in Folge der Eroberung des westgotischen Reiches immer tiefer in fränkisches Reichsgebiet vorgedrungen waren, kam es am 7. Oktober 732 mit den Truppen Karl Martells zur Schlacht von Poitiers. Am nächsten Morgen, so berichtet die Mozarabische Chronik von 754, erblickten die ›Europäer‹ zahlreiche Zelte der ›Araber‹. Ausgesandte Späher berichteten jedoch, dass die ›Ismaeliten‹ geflohen seien.
Die Mozarabische Chronik entwirft ein über das Frühmittelalter hinaus prägendes Bild der iberischen Halbinsel: Nicht nur verlief zwischen ihrem Norden und Süden die Grenze zwischen Heiden- und Christentum, sondern das Land jenseits der Pyrenäen lag, so wird impliziert, auch jenseits Europas. Zugleich offenbart die Chronik auch die Durchlässigkeit der ethnischen, religiösen und politischen Grenzen – ihr Autor war ein christlicher Kleriker mit guten Kontakten zum islamischen Herrscherhaus.
Grenzüberschreitungen und kultureller Austausch sind traditionell ein zentrales Motiv kunsthistorischer Forschungen zur iberischen Bilderwelt. Exemplarisch seien hier neuere Untersuchungen zur sephardischen Buchmalerei genannt. Bereits die frühesten, nicht-figurativ gestalteten hebräischen Bibeln des 13. Jahrhunderts schöpften aus dem reichen Fundus islamischer Ornamentformen. Im 14. Jahrhundert traten neben diese Codizes für den öffentlichen Ritus reich illustrierte Haggada-Handschriften für den privaten Gebrauch. Gründet diese Textgattung in einer allegorisch-exegetischen Tradition, so transformierten ihre Bildzyklen christliche Vorlagen. Nicht nur läßt sich hier eine Neuorientierung der Auftraggeber am mitteleuropäischen Judentum verfolgen, sondern es wird deutlich, dass unterschiedliche Bildtypen und -traditionen je nach Funktion und kulturellem Kontext nebeneinander existierten und Ausdruck differenzierter sozialer Identitäten waren.
Diese hier nur oberflächlich skizzierten Erkenntnisse möchten wir aufnehmen und anhand zweier sich ergänzender Positionen erweitern: der Genese spezifischer Bildkulturen und dem Status von Visualität in bildkritischen Kontexten.
Als Bildkultur bezeichnen wir das Verhältnis von Auftraggebern/innen und Rezipienten/innen zu den von ihnen bevorzugten Motiven oder Bildtypen, der von ihnen intendierten und angewandten Bildpraxis und der sozialen Funktion von Bildobjekten. Besonders interessiert uns, ob es allein die Repräsentationsformen sind, die kulturelle Grenzen definieren bzw. überschreiten, oder ob mit den Bildobjekten oder Motiven auch spezifische Medienpraxen transportiert oder transformiert wurden. Lassen sich in den formalen Gestaltungen der Objekte Spuren oder Hinweise auf die von ihnen eingeforderten Medienpraxen erkennen? Zu fragen wäre hier nach einer spezifischen Bildreflexivität im Spannungsfeld von Bilddiskurs und Bildpraxis.
Eng verbunden mit dem Begriff des Bilddiskurses ist die Frage nach dem Status der Visualität. Ein besonderes Anliegen unseres Kollegs ist die Untersuchung der Wechselwirkung von mentaler und artifizieller Bildproduktion in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Deshalb möchten wir unser Augenmerk auch auf das Bild als Grenzmedium von Immanenz und Transzendenz richten.
Eine privilegierte Form der Transgression irdischer Grenzen ist die Vision. Wie Victor I. Stoichita hinsichtlich des sog. Goldenen Zeitalters konstatierte, ist jede Visionserfahrung eine genuine Bilderfahrung. Stoichita belegte eindrucksvoll, dass Visionsdarstellungen eine doppelte Funktion besitzen: Sie dienen als Relais zwischen Transzendenz und Immanenz und inszenieren eine metadiskursive Bildreflexivität.
Diese anhand neuzeitlicher Objekte gewonnen Erkenntnisse möchten wir epochenübergreifend verfolgen. Denn gerade in Zeiten politischer oder religiöser Konflikte diente die sozial reglemtierte Transzendenzerfahrung als Eingrenzung sozialer Identitäten, in deren Mittelpunkt immer auch der Geltungsbereich und die Praxis artifizieller und mentaler Bilder stand.

Rednerliste

Olga Isabel Acosta Luna (Bogota/ Dresden)
Buket Altinoba (Karlsruhe)
Linda Báez-Rubí (Karlsruhe)
Hans Belting (Karlsruhe)
Britta Dümpelmann (Karlsruhe)
Laura Fenelli (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte Florenz)
Carsten Juwig (Karlsruhe)
Henrik Karge (Technische Universität Dresden)
Claudia Rückert (Humboldt Universität Berlin)
Avinoam Shalem (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Beatriz Toscano (Karlsruhe)
Tim Urban (Karlsruhe)
Annette Weber (Hochschule für jüdische Studien Heidelberg)
Gerhard Wolf (Kunsthistorisches Institut Florenz)