Workshop Re : Präsentationen. Antworten auf die Krise.

28.11.2008 to 29.11.2008

Das vielstimmige Sprechen von der „Krise“ der Repräsentation bezeichnet weniger das Ende der bildlichen repraesentatio als den Beginn ihrer inversiven Ausrichtung: Von der Fremd- oder Außenreferenz zur Selbstreferenz der Formen und Signifikanten. Dem „Nicht-mehr-Möglichen“ wurden und werden auf verschiedenen Ebenen Beschreibungen des „Noch-Möglichen“ gegenüber gestellt, die im Rahmen unseres Workshops verortet und diskutiert werden sollen.

Im Begriff der Präsenz tritt dem Verweis die Verkörperung entgegen, der Mimesis die Diegesis, der Reproduktion die Produktion. Grundsätzlich gilt hier: Bilder sind, aber verweisen nicht zwingend auf etwas, das sie selbst nicht sind. Nach Derrida generiert sich zwischen Ding und Zeichen eine Bildkraft, der neue Perspektiven auf eine Ästhetik des Ereignisses eröffnet. Andere Ansätze gehen von einer Potenzierung („sur-représentation“, Jean-Luc Nancy) oder strategischen Subvertierung („Produktion von Präsenz“, Hans Ulrich Gumbrecht) des Repräsentationsgedankens aus. Grundlegend ist dabei nach den konkreten Formen und Modi einer „Vergegenwärtigung“ zu fragen, etwa nach dem Verhältnis von Präsentation (als Präsent-Machung), Imagination und Erfahrung. Sieht sich diesbezüglich der Präsenzbegriff mit ähnlichen konzeptuellen Problemstellungen konfrontiert wie diejenigen Modelle, die er phänomenologisch und epistemologisch hinter sich lassen will? Oder ist er gar verkleidete Mimesis, nur unter anderen Voraussetzungen?

Auch die Referenz hat im indexikalischen Konzept der Deixis ein neues Regulativ gefunden, das sich von den etablierten Formen des Außenbezugs absetzt. Gottfried Boehm zufolge gibt sich „im Zeigen das Reale, ohne dass wir dieses Geben als eine einzelne Repräsentation beschreiben könnten“. Gerichtetheit und Linearität sind Charakteristika, die das „Denken mit dem Zeigefinger“ – ob intra- oder intermedial – fast unweigerlich begleiten, weshalb die horizontale Verschiebung vom Referenten zum Zeigenden – ähnlich wie die Verkörperung des Dargestellten in der Darstellung – Gefahr läuft, dichotome Polaritäten mit geänderten Begrifflichkeiten wiederherzustellen. Ähnlich den physikalischen Vorstellungen von der Welt als Vektorraum, die durch die Quantenmechanik relativiert wurden, könnte sich das vektorielle Modell der rhetorischen Deixis als Residuum eines Rationalitätsbegriffs erweisen, der Verweisstrukturen von ihren kontingenten, beidseitig unabhängigen Materialisierungen suspendieren würde.

Schließlich werden im Zeichen einer neuen Hybridität die medialen Beschränkungen einzeldisziplinärer Repräsentationskonzepte zu durchbrechen versucht. Der Dekonstruktion gilt die Schrift als „das genuine Medium der Repräsentation“, da sie „Abwesendes für Abwesende abwesend“ symbolisiere (Derrida); zugleich verweist sie somit gerade auf die Absenz eines sinnhaften synchronen Verstehenshorizonts im endlosen Zeichenspiel. Die postmodernen Debatten um textuelle Differentialität und Autoreferenzialität stehen in einem komplexen Wechselverhältnis zur bildlichen Repräsentationskrise, das zuweilen in einen rezeptionellen Kategorientausch mündet: Bilder werden „gelesen“, Texte als „Bildproduzenten“ betrachtet. Auf Produktionsebene wiederum sind beide als Repräsentationen diskursiver (Foucault) und viskursiver (Karin Knorr-Cetina) Machtkonstellationen beschreibbar.

Konzeption: Florian Lippert, Anja Schürmann, Mirjam Wittmann, Tim Urban
Kontakt: Mirjam Wittmann

Rednerliste

Sibylle Krämer (Berlin)
Florian Lippert (Karlsruhe)
Carolin Meister (Berlin)
Dieter Mersch (Potsdam)
Franziska Schößler (Trier)
Anja Schürmann (Karlsruhe)
Tim Urban (Karlsruhe)
Lambert Wiesing (Jena)
Mirjam Wittmann (Karlsruhe)